Die Helvetik - eine Annäherung aus philatelistischer Sicht Teil III: Militär: Ereignisse, Einheiten und Führung

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Hubert Bögli, Sursee



22. Einleitung

Die Koalitionskriege der grossen europäischen Staaten und deren Hegemonieansprüche schafften die Ausgangslage für eine nachhaltige Regelung der gesamteuropäischen Situation. Die Alte Eidgenossenschaft war vor der Helvetik in erster Linie ein Lieferant von Söldnern - von Kampfpersonal und als Nachbar der damals wohl wichtigsten europäischen Kriegsmächte auch strategisch von einer gewissen Bedeutung. Die militärischen Gegebenheiten und Aktivitäten während der Helvetik sind ein vielschichtiger Bereich, der philatelistisch aus verschiedensten Perspektiven dargestellt werden kann. Hier öffnen sich dem Sammler ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung. Viele wichtige Helvetik-Sammlungen haben sich bisher fast ausschliesslich dem Schwerpunkt Militär und weniger der wichtigen internen Entwicklung des neuen Staates gewidmet.

Primär sollten wir uns aber bewusst sein, dass im europäischen Kontext damals die Geschichte der Helvetik von eher geringerer Bedeutung war und deshalb sollte sich auch die militärische Komponente in einer philatelistischen Helvetik-Sammlung, so eindrücklich sie sich von den Belegen her auch präsentiert, eher etwas bescheiden. Das Militär spielt eine wichtige Rolle - ihm ist das Machtpotential gegeben, das die Verschmelzung des damals losen Staatenbundes der Alten Eidgenossenschaft vom vorerst ungeeigneten Einheitsstaat zum föderalistisch organisierten heutigen Bundesstaat Schweiz begleitet und primär ermöglicht hat.

Während sich meine früheren Ausführungen in der vorliegenden Artikelfolge auf einigermassen gesicherten Fundamenten bewegte, die trotz aller Komplexität noch überblickbar waren, ist die Faktenlage beim Militär unvergleichlich schwieriger darzustellen. Wir haben hier einen Bereich, der sich bedeutend vielschichtiger präsentiert. Ein umfassendes Wissen der Gegebenheiten und eine reife Interpretation derselben kann und will ich Ihnen nicht bieten. Deshalb konzentriere ich mich darauf, möglichst viele Basisinformationen zu vermitteln und dem Leser die Kombinationen, Forschungen und Schlüsse selber zu überlassen.

Die Kreativität, seine Sammlung nach seinen Möglichkeiten und Grenzen aufzubauen, ist beim Militär besonders gefordert, gibt es doch keinen allgemeinen Königsweg, der zum Erfolg führt. Wir können die verschiedensten Faktoren beliebig kombinieren, die Behandlung von Themen aus der Sicht der Schweiz oder Frankreichs interpretieren, allgemein bleiben, ins Detail gehen oder in einem besonderen Schwerpunkt konzentrieren. Am meisten dürfte zu holen sein, wenn man die bereits vorhandenen Belege sichtet, erkennbare Ansätze ausbaut und sich im Übrigen einer Thematik widmet, die einen auch persönlich anspricht.

Eines allerdings gilt es zu beachten - in einer postgeschichtlichen Sammlung sollte die philatelistische Komponente dominieren, so wie es in den Richtlinien der FIP für die Postgeschichte, im Bereich der „Historical, Social and Special Studies" ansatzweise angestrebt wird. Es geht darum, die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, welche das Militär und seine Aktivitäten dem Philatelisten in einer ausgewogenen Helvetik- Sammlung bieten.

Allerdings kann der spezialisierte Sammler natürlich an Stelle einer umfassenden Helvetik- Sammlung auch eine Einschränkung auf die militärische Situation, auf ein bestimmtes Ereignis, auf Führer und Truppen oder auf das Militär als Ganzes definieren. Wichtig ist, dass eine Ausstellungs-Sammlung nicht zur Chronik oder gar zum Roman mutiert, sind doch viele Ereignisse so gelagert, dass man versucht ist, auf Einzelheiten einzugehen, die philatelistisch den Betrachter weniger interessieren. Die „Rules" empfehlen, dass auch bei Sammlungen der „special aspects" die philatelistische Komponente dominieren soll.

Nicht jeder Beleg muss im Detail präsentiert werden. Langatmige Erklärungen sind bei der Jury unerwünscht. Man schätzt hier kurze, zusammenfassende Texte, die einfach zu verstehen sind, die aber nicht ein spezielles historisches Grundwissen voraussetzen. Da die Kenntnisse über die Helvetik allgemein sehr beschränkt sind, sollte immerhin ein Minimum an Erklärungen angeboten werden, damit ein Betrachter die Zusammenhänge verstehen kann.

Die Belege sollten in aller Regel einen direkten oder indirekten Bezug zur Helvetik haben. Es darf nicht sein, dass fehlende Belege von Führungs-Personen oder Truppenteilen ohne Helvetik-Bezug in eine Helvetik-Sammlung „eingeschmuggelt" werden. Das militärische Exponat sollte auch nicht zur Stempelsammlung (Marcophilie) mutieren. Da normalerweise bei Helvetik-Sammlungen durch die Vielfalt der Portofreiheits- und Militärstempel die hohe Schule der Taxierung weniger ausgeprägt ist, müssen auch tariflich interessante Belege gezeigt werden, wie beispielsweise Auslandbriefe oder spezielle Tarifsätze der Militärpost. Andernfalls kann es vorkommen, dass Abstriche bei der Punktezahl gemacht werden. 23. Die Kriegskommissare - Bindeglied zwischen Bevölkerung und Armee Beginnen wir mit den Commissaires des Guerres, den Funktionären, welche die Verbindung zwischen den militärischen, den privaten und politischen Interessen in den besetzten Gegenden herzustellen hatten. Es gab französische „Commissaire des guerres", die primär die Interessen der französischen Truppen vertraten und versuchten, deren militärischen Bedürfnisse gegen die Bevölkerung durchzusetzen. Sie standen, ihrer Tätigkeit entsprechend, in französischen Diensten.

Ihnen standen die kantonal angestellten „Kriegskommissäre" gegenüber, welche dafür zu sorgen hatten, dass die Bevölkerung nicht über Gebühr belastet wurde. Das wurde nötig, weil die französische Doktrin darin lag, die ausländisch agierenden Heere möglichst selbsttragend zu betreiben, was automatisch zu einer Ausbeutung der besetzten Gebiete zwang. Wir werden später darlegen, wie sich das verheerend auf die besetzte Helvetische Republik auswirkte.

Abb.73: Payerne, 18. August 1800. Brief des Kriegskommissars an die Bürger der Gemeinde Montagne la Ville. Die Gemeinde musste einen zweispännigen Leiterwagen mit Planen, Pferdeknecht und Zaumzeug für einen militärischen Transport bereitstellen. (HB)

Es muss betont werden, dass solche Dienstleistungen an die französischen Truppen nicht gegen Bezahlung ausgeführt werden mussten. Diese stellten lediglich Gutscheine aus, die sogenannten Bons, welche die Regierung der Helvetik hätte vergüten müssen. Diese war aber kaum zahlungsfähig, da die finanziellen Mittel bei der Eroberung der Alten Eidgenossenschaft von den Franzosen konfisziert worden waren.

Commissaires des Guerres gab es viele und jeder hatte seine eigenen Stempel für die Portofreiheit. Man kann annehmen, dass dieser Posten ein gutes Geschäft für den Amtsinhaber garantierte. Diese kleinen Profiteure, wie auch die höheren militärischen Chargen, besonders die Generäle, verdienten durch undurchsichtige Geschäfte während der Besetzung der Helvetik enorme Summen.

So sahen die eiligst angefertigten oder sogar von den Franzosen vorgedruckten Bons aus, wie sie beispielsweise 1798 für die Gemeinde Avenches ausgestellt wurden:

Links: Avenches, 10. März 1798. Bon für 48 Rationen Holz. (HB) Rechts: Avenches, 29. März 1798. Bon für einen Zentner Holz für die Schlosswache. (HB)
Abb. 76: Avenches, 30. März 1798. „Von den Bürgern zum Sehloss zu tragen": Bon für einen Zentner Holz (zu 50 Kilogramm). (HB
Links: Avenches, 30. April 1798. Bon für 2 Rationen Wein für zwei Husaren, die nach Bern gehen, geliefert durch Bürger Blaser. (HB) Rechts: Avenches, 28. März 1798. Bon für eine Logiernacht für zwei Männer. (HB)
La Tour, 21. Oktober 1800. Quittung für die Requisitionssteuer von 4 %o. (HB)

Es ist verständlich, dass die Bevölkerung deshalb, je länger die Besetzung der französischen Truppen dauerte, immer mehr in Not und Elend geriet und verarmte. Immerhin versuchten einzelne Kantone durch eine Requisitionssteuer auch die nicht direkt von den Requisitionen betroffenen Bürger an den Kosten zu beteiligen. Auf diese Weise konnten wenigstens die grössten Notfälle gelindert und zumindest eine Anzahl Bons eingelöst werden.